wo der Sand fällt und sich spaltet

Axel Anklam, Jan Muche, Benja Sachau

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Wo der Sand fällt und sich spaltet

Der Titel der Ausstellung entstammt einer Hymne Friedrich Hölderlins, in der er der griechischen Insel Patmos huldigt. Hölderlin beschwört das Wesen dieser, an der Küste Kleinasiens gelegenen Insel feierlich herauf - macht den Ort in seiner Eigentümlichkeit ahnbar. Jedoch zielt er nicht darauf ab, der Insel mit seinen Worten Herr zu werden. Die Verse bringen raunend und rauschend Bilder hervor, die den Ort im Klang der Sprache gegenwärtigen:

… Und da ich hörte 
Der nahelegenen [Inseln] eine
Sei Patmos, 
Verlangte mich sehr, 
Dort einzukehren und dort
Der dunkeln Grotte zu nahn.
Denn nicht, wie Cypros, 
Die quellenreiche, oder
Der anderen eine
Wohnt herrlich Patmos,

Gastfreundlich aber ist 
Im ärmeren Hause 
Sie dennoch
Und wenn vom Schiffbruch oder klagend
Um die Heimat oder
Den abgeschiedenen Freund 
Ihr nahet einer
Der Fremden, hört sie es gern, und ihre Kinder
Die Stimmen des heißen Hains,
Und wo der Sand fällt, und sich spaltet
Des Feldes Fläche, die Laute
Sie hören ihn und liebend tönt
Es wieder von den Klagen des Manns …

Axel Anklam, Jan Muche und Benja Sachau leben und arbeiten in weiter Entfernung zum Dichter Hölderlin. Gut 200 Jahre trennen sie voneinander. Zudem sind die drei bildende Künstler. Axel Anklam ist Bildhauer und schafft biomorphe Gebilde, die sich dem Betrachter in ihrer materiellen Verletzlichkeit öffnen. Jan Muche ist durch und durch Maler und zeigt hier ganz gegen seine Vorliebe für die schroffe Tatsächlichkeit von Floralem und Ornamentalem auf großen Papierformaten. Benja Sachau baut Installationen, arbeitet skulptural und lässt von kleinen, fahrenden Apparaturen Kugelschreiberzeichnungen verfertigen. In der Ausstellung präsentiert er die maschinell hervorgebrachten Blätter. Die drei Positionen sind in ihren künstlerischen Äußerungsweisen grundverschieden. Und doch treibt alle drei etwas um, das Hölderlin in der Art und Weise, wie er spricht und dichtet, bewältigt; indem er einen Ort evoziert ohne ihn zu ergreifen: "Wo der Sand fällt und sich spaltet". Hölderlin befreit die Sprache vom Visier der Eindeutigkeit und trifft umso präziser. Das ›Lockerlassen‹ spielt im künstlerischen Schaffensprozess offensichtlich eine entscheidende Rolle, um zu einer überzeugenden Ausdrucksweise zu gelangen. 

Auch die Arbeiten von Axel Anklam, Jan Muche und Benja Sachau erzählen von jener Notwendigkeit, ein alles kontrollieren wollendes Schöpfer-Ich im Zaum zu halten. Alle drei stellen die Frage, was den Kern künstlerischer Arbeit ausmacht. Wie lassen sich Formen finden, die etwas aus sich selbst heraus sagen - ohne eines äußeren Verweises zu bedürfen?

Axel Anklams Gebilde wirken zart und beständig zugleich. Über die Kurven eines verschlungenen Gerüsts aus silbern glänzendem Edelstahl spannen sich weiße Membranen, die sich mal nach außen wölben, mal nach innen stülpen. Sie gewähren Einblicke und Durchblicke. Alles liegt offen da, und doch lassen sich die seltsamen Formen nicht fixieren. Sie beginnen sich zu verwandeln, sobald der Betrachter seinen Standpunkt verändert. In Summit drängen Edelstahlschlingen kantig in die Höhe. Sie werfen ein Gebirge auf, zeichnen einen Gipfel in den Raum. Summit scheint sich der Schwerkraft zu entziehen: Die bergige Landschaft haftet nicht breit am Boden fest, sondern verjüngt sich, als wolle sie fortschweben. Axel Anklam lotet die Möglichkeiten seines Materials aus. Die Schlingen des linearen Gerüstes, dessen Biegepunkte oftmals harmonischen Streckenverhältnissen entsprechen, entwickelt er anhand kleiner Drahtmodelle. Es erfordert großes handwerkliches Geschick, das Edelstahlskelett mit der dünnen Haut aus Epoxidharz zu überziehen. Axel Anklam tut nichts anderes als ›Haut und Knochen‹ zu vereinen. In dieser Bescheidung bringt er seine vieldeutigen Landschaften und Kreaturen auf die Welt.

Jan Muche gestattet sich in seinen floralen Papierarbeiten eine Ausnahme von der Regel. Während er ansonsten massive Leinwände mit wuchtigen Motiven und vielschichtigen Farbmassen malträtiert, zeigt er hier rankendes Blattwerk in leichter Farbigkeit. Die Idee, sich einmal der ornamentalen Dynamik pflanzlicher Strukturen zu überlassen, kam auf, als er in einem Mailänder Antiquariat ein botanisches Büchlein mit wunderschön gezeichneten Abbildungen entdeckte. Kurzerhand projiziert er Ausschnitte dieser Abbildungen und überträgt die Konturen auf große Bögen von gelb grundiertem Büttenpapier. Er schüttet Tusche auf die Blätter und lässt sie in ihren Verläufen trocknen. Der Zufall hält Einkehr. Jan Muche probiert aus. Auf den größeren Formaten erlangt die Tusche mitunter eine Dichte, welche die Zeichnung überdeckt. Dann lugen nur noch puzzleartige Kompartimente der Untermalung hervor, die einen eigenwilligen Rhythmus entfalten. Jan Muche verstärkt diesen Effekt, indem er die Zwischenräume weiß akzentuiert. Das ornamentale Pflanzenmotiv wandelt sich in eine abstrakte Formation mit weißen, umherflatternden Segeln. In den kleineren Formaten bleibt die Farbigkeit zumeist transparent. Die Acrylfarbe ist stark verdünnt und legt sich in schimmernden Lasuren über das Papier. Hier gibt Jan Muche den Strukturen Raum. Die kräftigen Stängel mit ihren Verzweigungen, die fest verfugten Hopfendolden und die dicken Blattadern treten so deutlich hervor, dass sie schon beinahe wieder fremd wirken. Das exakt Bezeichnende der botanischen Feinzeichnung gerät ins Hintertreffen. In seinen floralen Experimenten stößt Jan Muche noch einmal ganz von Neuem auf die Frage, was die Bedingungen des Bildes eigentlich sind. 

Auch Benja Sachau hat ein Faible für das Experiment. Seine Kugelschreiberzeichnungen werden von kleinen ›Probanden‹ hergestellt, die er behelfsmäßig aus winzigen Motoren, Wäscheklammern, Spielzeugteilen und allerhand anderen sonderbaren Fundstücken zusammenschustert. Der Kugelschreiber wird senkrecht befestigt, dass er entsprechend der fahrenden Bewegung auf der ebenen Fläche zeichnen kann. Die Blätter spannt Benja Sachau in eine Rahmenkonstruktion ein. Die Probanden fahren auf die Ränder zu und wenden gemäß ihres Einfahrtwinkels. Nimmt man die Resultate näher in Betracht, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass derart fein modulierte Formen und Strukturen von wild umherfahrenden Gerätschaften hervorgebracht sein sollen und nicht von der sensiblen Hand eines Künstlers. Die plastische Poesie der Blätter nimmt den Betrachter ein. Allerdings produzieren die Maschinen einigen Ausschuss. Was bleiben darf, entscheidet der Künstler. Nach getaner Arbeit zerstört Benja Sachau die Apparaturen wieder - und damit auch jede Möglichkeit, auf den Grund ihrer geheimnisvollen Bahnen zu kommen. Benja Sachau gefällt es, den Betrachter seinem eigenen Erstaunen auszuliefern. Wie um Himmels Willen kommen diese Strukturen zustande? Der Künstler lässt es offen. Das Wissen um die Probanden ändert nichts an der Ominösität der Zeichnungen.

Katrin Dillkofer